Ist Gott kompromisslos?

Vor Tagen hörten wir im Evangelium das folgende Gleichnis vom Feigenbaum ohne Früchte (Lk 13, 6-9):

„Und er erzählte ihnen dieses Gleichnis: Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum; und als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine. Da sagte er zu seinem Weingärtner: Jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts. Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen? Der Weingärtner erwiderte: Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er doch noch Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen.“

Ein Gleichnis ist eine kurze Erzählung zur bildhaften Veranschaulichung eines Sachverhaltes. Der Hörer oder Leser soll sich in der Erzählung selbst sehen können. Nun wer könnte hier mit „Weingärtner“, „Weinbergbesitzer“ und „Feigenbaum“ metaphorisch gemeint sein? Es fällt nicht schwer zu erraten, dass mit dem Feigenbaum ohne Früchte, wir selbst als Menschheit gemeint sind, die die Früchte des Lebens, z.B. Güte, Rechtschaffenheit oder Barmherzigkeit, nicht tragen. Der Weinberg ist unsere ganze Welt, die alle Lebewesen versorgt. Der Weingärtner könnte einen Propheten darstellen, der nochmal um Aufschub bittet oder noch um die letzte Chance kämpft, damit der Feigenbaum Früchte trägt. Aber wer könnte der Weinbergbesitzer sein, der mit „Herr“ angesprochen wird?

Damit könnte Gott selbst gemeint sein. Wie das? Ein kompromissloser, ungerechter und radikaler Gott, der dem Feigenbaum die letzte Lebensenergie nehmen will? Bloß weil er keine Früchte trägt? Der Zweck eines Feigenbaums ist es doch gerade, Früchte zu tragen. Und wenn er keine trägt, welche Daseinsberechtigung hätte er? Sollte er dann lieber nicht abgeschlagen werden, um Platz für andere Pflanzen zu machen? Der Prophet setzt sich für ihn ein und erwirkt einen Aufschub, eröffnet die Chance einer Ernte. Aber hätte nicht der Weinbergbesitzer (also Gott) selbst auf die grandiose Idee des Umgrabens und Düngens kommen können?

Nein, denn die Daseinsberechtigung des Feigenbaums war bereits vorgegeben. Der Feigenbaum hat sie nicht „genutzt“. Wir Menschen brauchen nicht nur Propheten, glaubensfeste Menschen als Vorbilder oder als Ratgeber, sondern auch eine „über den Dingen stehende“, allgemeingültige und unumstößliche Wertenorm unseres Daseins (durch Gott). Wir Menschen nehmen ja auch die Natur mit ihren Naturkatastrophen hin, oder auch das Leben an sich mit seiner radikalen Selektion. Aber Gott ist die Natur und das Leben. Im Falle des Feigenbaums wissen wir nicht, ob er dem Abholzen entkam. Aber der Mensch hat immer die Reue als Ausweg.